Frühdiagnose der Hüftgelenksdysplasie beim Welpen ? Vorröntgen ja oder nein?
Gelenkserkrankungen bei Junghunden im Sinne einer Dysplasie (HD,ED, OCD) sind erbliche Erkrankungen. Weder in der Tierärzteschaft noch unter seriösen Züchtern besteht über diese Tatsache heute noch Diskussionsbedarf. Die Schwere der Erkrankung und die röntgenologisch sichtbaren Veränderungen sind durch die Haltungsbedingungen zu beeinflussen. So kann ein Hund mit genetischer Disposition zu leichten dysplastischen Veränderungen durch entsprechende Fütterung und stark eingeschränkte Bewegung beschwerdefrei bleiben und keine oder nur minimale röntgenologische Veränderungen entwickeln. Oder aber durch massive Belastung und kalorienreiche Fütterung schwer erkranken. Erkrankungen wie HD/ED/OCD werden dementsprechend korrekterweise als "multifaktorielle" Erkrankungen bezeichnet.
HD ist eine Erkrankung die vorwiegend bei großen und mittelgroßen Rassen und Mischlingen auftritt, gelegentlich aber auch bei kleineren Rassen zu beobachten ist. Sie ist nicht wie die Hüftgelenksdysplasie des Menschen angeboren, sondern entwickelt sich während der Wachstumsperiode.
Man geht davon aus, dass eine verzögerte Entwicklung der Muskulatur in Kombination mit einem zu schnellen Wachstum der knöchernen Anteile für die abnormale Entwicklung des Gelenkes verantwortlich ist. Übereinstimmend wird die Instabilität oder mangelnde Straffheit der Bänder (Laxität) als erste, den Prozeß einleitende Veränderung betrachtet. Im Wachstum (4-9 Monate), während das Gewebe noch weich und verformbar ist, kommt es hierdurch zur Subluxation des Oberschenkelkopfes, welche zu Deformation von Gelenkspfanne, Oberschenkelkopf und Hals führt.


Im Laufe des Lebens entstehen an der dysplastischen Hüfte durch dauernde Fehlbelastungen Gelenksentzündungen (Osteoarthritis) und sogenannte Sekundäre arthrotische Veränderungen (Osteoarthrose). Erst diese verursachen Schmerzen und Lahmheit, sodass es nicht verwunderlich ist, dass manche sogar schwer dysplastische Hunde lange symptomfrei bleiben.
Typischerweise zeigen betroffene Welpen verminderte Aktivität, spontane Lahmheit mit Schwierigkeiten beim Aufstehen oder Springen, manchmal eine zehenenge Stellung der Hinterbeine in Kombination mit einem hoppelnden Gang. Im Vergleich zu den Geschwistern kann eine deutlich schwächer ausgeprägte Hinterhandmuskulatur sowie eine schnelle Ermüdung während des Spiels auffallen. Beim Abtasten durch den Tierarzt zeigen betroffene Tiere einen verminderten Bewegungsradius des Gelenkes sowie Schmerzen bei der passiven Bewegung, vor allem bei der Streckung.
Die meisten Welpen machen zwischen dem 4. und 6. Lebensmonat einen gewaltigen Wachstumsschub durch. Gleichzeitig vervielfachen sie ihr Gewicht und werden wesentlich höherer physischer Beanspruchung ausgesetzt. Dysplastische Hunde fallen in dieser Zeit durch Probleme beim Aufstehen, Klettern oder Springen auf, anstatt sich normal hinzulegen, lassen sie sich manchmal einfach hinplumpsen. Die im dysplastischen Gelenk entstehenden Schmerzen werden beim Welpen vor allem durch die abnormale Belastung des Pfannendaches (sog. Mikrofrakturen) sowie des umgebenden Weichteilgewebes verursacht.
Die ab dem 6. Lebensmonat einsetzenden arthrotischen Veränderungen sind eigentlich Ausdruck einer Stabilisierung des Gelenkes, durch die der Körper der dauernden Subluxation entgegenzuwirken versucht. Sie verursachen aber ihrerseits beim erwachsenen Hund eine chronische Gelenksentzündung, die dann die Ursache für chronischen Schmerz und Lahmheit darstellt.
Da keines der klinischen Symptome alleine beweisend für eine HD ist, schnelles Handeln gerade für den Junghund jedoch von entscheidender Bedeutung sein kann, wird der seriöse Untersucher beim geringsten Verdacht eine Röntgenuntersuchung einleiten.
Erkennt man eine HD bereits im Alter von 5-6 Monaten, kann durch chirurgische Intervention (TPO), oft alleine durch strikte Bewegungseinschränkung und reduzierte Fütterung ein dramatisches Fortschreiten der Erkrankung verhindert oder gebremst werden.
Leider wird heutzutage immer noch allzu häufig viel zu spät geröntgt, oft zu einem Zeitpunkt, zu dem an der Entwicklung der Erkrankung nichts oder wenig geändert werden kann. Für Tiere mit Lahmheit empfiehlt sich eine möglichst frühzeitige Untersuchung. Für potentielle Sport- oder Zuchthunde bringt eine prophylaktische Röntgenaufnahme im Alter von 6 Monaten (Vorröntgen) wichtige Informationen hinsichtlich Zuchteinsatz oder Training.
Die klinischen Befunde korrelieren häufig nicht mit der Schwere der Röntgenbefunde, das bedeutet, dass lahmfreie unauffällige Hunde gravierende röntgenologische Veränderungen aufweisen können, andererseits auch Hunde ohne schwerwiegenden Röntgenbefund unter starken Lahmheiten leiden können. So waren etwa beide Hunde auf obigen Röntgenbildern zum Zeitpunkt der Untersuchung absolut symptomfrei.

Hund 1 erhielt bei der offiziellen Untersuchung auf HD eine A1 Beurteilung und wird als Jagdhund eingesetzt. Hund 2 - ursprünglich zur Zucht aus England importiert - wurde von 6-12 Monaten im Kennel gehalten, stark reduziert gefüttert und ist heute ebenso symptomfrei, wenngleich das offizielle Gutachten eine E Hüfte ergab.
Das Vorröntgen kann in aller Regel ohne Narkose durchgeführt werden, bedeutet daher weder eine gesundheitliche noch eine nennenswerte finanzielle Belastung. Im Alter von 6 Monaten kann zwar noch keine exakte Einteilung in HD-Grade vorgenommen werden, die Unterscheidung zwischen gut angelegter und dysplastischer Hüfte ist jedoch ohne Probleme möglich.
Voraussetzung sind allerdings qualitativ hochwertige Röntgenaufnahmen sowie ausreichende Qualifikation und Erfahrung des Begutachters.